Abschiedsbrief
An meine Eltern, Freunde und Bekannte,
Dies ist wohl die letzte Nachricht die ihr von mir
hört. Obwohl mein eigentliches Selbst, oder was ich dafür
halte, es noch nicht weiß, werde ich in 13 sek. bei einem
Autounfall ums Leben kommen. Zu eurer Beruhigung möchte
ich sagen, daß ich sofort tot bin ohne große Schmerzen
zu erleiden. Genickbruch. Schnell und sicher.
Eigentlich bin ich gar nicht so traurig darüber,
daß ich tot bin. Irgendwie habe ich ja schon jahrelang
versucht mich umzubringen. Langsam, mit Zigaretten und
Alkohol, wobei ich zweiteres wegen Nichtvertragens
aufgeben mußte. Der Unfall kam auch für mich
überraschend. Kaum siehst du den anderen auf dich
zurasen, schon bist du tot. Die Zigarettenindustrie
hat einen weiteren hoffnungsvollen Selbstmörder durch
Tod verloren. Tragisch.
Im großen und ganzen kann ich von meinem Leben
behaupten, daß es wert war gelebt zu werden. Das
liegt vielleicht an meiner Einstellung. Viele
meiner Freunde behaupten ich wäre ein unverbesserlicher
Optimist. Vor allem die, die ich als unverbesserliche
Pessimisten einstufen würde. Man muß wissen, daß alles
auf dieser Erde eine gute und eine schlechte Seite hat.
Je größer die eine ist, desto größer ist auch die
andere. Jetzt muß man sich nur noch die gute auswählen.
Im Nachhinein, bereue ich kaum Dinge die ich getan habe.
Alles was ich zuerst negativ gesehen habe, hat sich
irgendwann als positiv herausgestellt. Das was ich
wirklich bereue sind die Dinge, die ich nicht getan
habe. Komisch, wir alle leben jahrelang dahin mit
unseren Träumen und reden uns ein, wir würden sie
alle einmal in Erfüllung gehen lassen. Aber wenn es
soweit ist, kneifen wir. "Aber beim nächsten mal ..."
Famous last words. Glaubt mir, es gibt meistens kein
nächstes Mal. Das Leben ist nicht fair, wenn du deine
Chance verpasst, hast du Pech gehabt. Und ich glaube
ich habe mittlerweile alle erforderlichen Qualifikationen
erworben, um das behaupten zu können. Ich habe mir oft
vorgestellt, wie ich am Totenbett auf mein Leben
zurückblicken würde. Netter Ansatz, nur dachte ich
dabei an einen greisen alten Mann, der auf ein
erfülltes Dasein zurückblicken kann. So, der greise
alte Mann ist 21 und kann nur auf Halbfertiges
zurückschauen. Das was ich mir zugleich zugute
halten kann und dabei auch vorwerfen muß, ist,
daß ich es versucht habe. Was? Ganz einfach, das
Beste aus meinem Leben zu machen. Gut, wer versucht
das nicht und hier beginnt auch gleich mein Vorwurf.
Ich habe zwar hart daran gearbeitet, mir Wünsche und
Ideale zu schaffen, doch ich war nie so dahinter, daß
ich sie auch verwirklichen konnte. Seht ihr den
Unterschied? Träume haben kann jeder, das unterscheidet
dich nicht vom Rest der Welt. Erst wenn du sie erfüllst,
bist du aus deiner Schale geschlüpft und hast deine
Ketten abgeworfen. "Aber das nächste Mal ..." Ich
bin über das ´Morgen´ gestolpert. Ich wollte der
Welt immer etwas von mir hinterlassen. Irgendwas,
das irgendjemand mit mir verbindet. Ein Buch, ein
Foto, ein Lied oder auch nur einen Gedanken. Das
ist eins der Dinge die ich nie geschafft habe.
Ich habe einige Werke geschaffen, von denen man
sagen würde: "Ganz nett". Aber das war mir zuwenig.
Ich wollte etwas schaffen, was voll und ganz `Ich´
sein sollte. Etwas mit Seele, das ein Abbild von
meiner Seele sein sollte. Ein Lied wie ´Freebird´
von Lynyrd Skynyrd oder ´Changes´ von Ozzy Osbourne.
Oder ein Buch wie von Borchert, Hesse oder Bukowski.
Etwas, daß so tief aus dem inneren kommt, daß man es
immer und immer wieder spürt. Vielleicht hätte ich es
irgendwann einmal geschafft und manchmal hatte ich
sogar das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Jetzt,
so wie die Dinge liegen, werde ich wohl spätestens in
70 Jahren, wenn alle meine Freunde tot sind, von der
Welt vergessen werden. Bis dahin lebe ich wenigstens
hier und da in einem Gedanken an mich weiter. Gott,
das klingt alles so deprimierend. Dabei hatte ich
eigentlich nie Angst vor dem Tod. Ich wußte, daß
ich irgendwann sterben würde, ich hätte nur nicht
gedacht, daß es schon so früh passiert. Ob ich
dann etwas anders gemacht hätte? Wahrscheinlich,
aber das kann ich jetzt leicht sagen. Wir wissen
doch alle, daß wir irgendwann einmal sterben müssen,
ob nach 70 oder 20 Jahren, sollte doch eigentlich
keinen Unterschied machen, sollte man meinen. Wir
vertrödeln unsere Zeit und wundern uns, wenn sie
vorbei ist. Träume haben ein Ablaufdatum !! Wir
leben hier und jetzt, das berühmte ´Morgen´ gibt
es vielleicht gar nicht. Ich kann mich nicht einmal
beklagen, daß ich nicht alle Chancen gehabt hätte.
Ich hatte alle Chancen, die man sich vorstellen kann
und es war allein meine Schuld, daß ich sie nicht
genutzt habe. Wenn man seine heimliche Liebe in der
U-Bahn trifft, sich vom Sehen kennt und sogar ein
Gesprächsthema parat hat, wären das nicht ideale
Bedingungen um einen Traum in Erfüllung gehen zu
lassen? Wenn man aber den harten Mann spielt und
so tut als hätte man sie nicht bemerkt, ist man
wohl selber schuld. Und es gibt meist keine zweite
Chance, das Leben ist kein Film! Das ist Feigheit
vor dem eigenen Glück. Selbst wenn alles schiefgegangen
wäre, müßte ich mir jetzt nicht den Vorwurf machen,
es nicht einmal versucht zu haben. Und das ist es
eigentlich, was weh tut. Ich hab mir fest vorgenommen
gehabt, die nächste Gelegenheit nicht ungenutzt
verstreichen zu lassen und jetzt bin ich tot.
Pech? Schicksal ?? Das war nicht das einzige,
was ich im nachhinein gerne ändern würde. Ich
habe irgendwo einmal einen gescheiten Satz
gelesen: "Erst wenn jemand tot ist, weiß man,
was man ihm immer schon hätte sagen sollen."
Wie wahr, wie wahr. Und auch umgekehrt anwendbar.
Erst wenn du tot bist, weißt du, was du alles
verpasst hast. "Nie sich so anpassen, daß dir alles paßt,
was man dir verpasst. Sonst verpasst du Alles."
(Seethaler). Schön gesagt, doch zwischen Gedanken
und Taten besteht ein himmelweiter Unterschied.
Versteht mich jetzt nicht falsch, ich trete nicht
für puren Egoismus ein. Denn wenn du nicht auch
auf die Wünsche deiner Mitmenschen Rücksicht nimmst,
wirst du nie glücklich werden, sondern höchstens ein
Leben als Außenseiter führen. Aber glaube auch ja
nicht an die wahre Liebe, Altruismus oder einen Gott,
der dir alles in den Schoß legt, damit du zufrieden
bist. Du mußt für dich selbst herausfinden, was für
dich richtig ist, und das jeden Tag aufs Neue. Sonst
geht es dir wie mir. Glaub mir, das Wissen, etwas
nicht versucht zu haben ist schlimmer, als beim
Versuch zu scheitern. ´Was wäre gewesen, wenn ...´
Einen Groschen für jedes Mal, wo eine einzige Person
sich das denkt und ich wäre Millionär. Gewesen.
Ich will euch keine Moralvorlesung halten. Ich vertrat
schon immer den Standpunkt, daß jeder sein eigenes
Leben leben muß. Was für den einen richtig ist, muß
nicht für den Rest der Welt auch richtig sein. Aber
es ist hier und da ganz gut, ein Resümee zu ziehen.
Stell dir vor dieser Tag ist dein letzter, wärst
zufrieden mit deinem Leben? Und wenn es sich
herausstellt, daß es doch nicht dein letzter war,
dann hast du möglicherweise wirklich noch eine
Chance, die eine oder andere Sache zu verwirklichen.
S.P.E.
© Auer Alexander
Bitte keinerlei Verbreitung des Textes ohne meine ausdrückliche Zustimmung !!