ROT
Der Radiowecker riß mich um Punkt 7.00 Uhr aus meinen Träumen. Verschlafen blinzelte
ich dem jungen Tag entgegen, der mich mit strahlender Morgensonne überraschend
freundlich empfing. Ich gähnte geräuschvoll und rollte mich zur Bettkante, was
meinem Kater, der bis dahin friedlich auf meinem Bauch geschlafen hatte, einen
entrüsteten Maunzer entlockte. Frische Boxershort angezogen, T-Shirt, Hose, Socken.
Benommen schlurfte ich in die Küche und setzte das Wasser auf dem Herd auf. Mit einem
Teebeutel und einer Tasse in der Hand wartete ich auf das erlösende Singen der Kanne.
Um mir die Zeit zu vertreiben, beobachtete ich durchs Küchenfenster die Leute am
anderen Gehsteig. Um 7 Uhr beginnt die Stadt aufzuwachen. Die Menschen kriechen
aus ihren Häusern und ein schwacher Duft von Kaffee mischt sich in die klare Morgenluft.
Ich sah die alte Frau Nawratil von Gegenüber mit ihrem Rauhhaardackel den Bürgersteig
entlangspazieren. Sie führte ihn jeden Tag um die selbe Zeit Gassi, einmal um 7 Uhr
morgens und noch einmal um ½ 10 Uhr nachts. Er hob bei einem roten Mercedes das Bein.
So geht’s den Kapitalisten. lächelte ich in mich hinein. Der Teekessel begann zu
pfeifen und ich nahm ihn vom Herd. Nachdem ich das Wasser eingeschenkt hatte, setzte
ich mich an den Tisch und schlug die Zeitung auf. Der Dampf des Tees vermischte sich
mit dem Rauch der Morgenzigarette und stieg zur Decke empor. Nach zehn Minuten zeigte
mir ein Blick auf die Küchenuhr, daß es Zeit war, mich auf den Weg zu machen. Ich zog
mir eine Jacke über und verließ meine Wohnung. Als ich aus dem Haustor trat, sah ich
einen Mann in einem dunklen Anzug, den roten Mercedes besteigen. Ich beobachtete ihn
und plötzlich warf er mir einen kurzen Blick zu, schaute aber gleich wieder weg. Als
er ausgeparkt und sich in den Verkehr eingeordnet hatte schob sich gleich ein roter
BMW in die freigewordene Parklücke. Der Fahrer sah kurz zu mir herüber, blieb aber
im Auto sitzen. Das machte mich stutzig. Konnte es sein, daß ich beobachtet wurde?
Blödsinn! Wer sollte mich beobachten? Doch der Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Als ich in der Straßenbahn saß, merkte ich, daß heute ungewöhnlich viele rote Autos
auf der Straße waren. Wenn eines bei einer roten Ampel neben der Straßenbahn stehen
blieb, sah der Fahrer entweder kurz zu mir herauf oder er starrte verkrampft
geradeaus und versuchte gelangweilt zu wirken. Immer mehr kam ich zu der Gewißheit,
daß ich verfolgt würde. Aber wer hätte Interesse daran mich zu beobachten? Wer
verwendete denn rote Autos? Natürlich, der KGB! Das mußte es sein. Aber was konnte
der KGB denn nur von mir wollen? Den ganzen Tag zerbrach ich mir den Kopf. Ich
ging in meinem Bürozimmer auf und ab, rauchte eine Zigarette nach der anderen und
beobachtete die Straße von meinem Fenster aus. Bis zur Mittagspause fuhren 67 rote
Autos vorbei, 5 parkten sich in der Nähe des Büros ein. Als mich eine junge Kollegin
fragte, was mit mir los sei, ich sei so nervös, versuchte ich mich ihr anzuvertrauen.
"Ist ihnen heute noch nichts aufgefallen?" fragte ich sie. Sie verneinte. Ich führte
sie zum Fenster und fragte sie nochmals, ob ihr nichts auffalle. Natürlich mußte sie
das rote Auto sehen, das gleich gegenüber im Halteverbot parkte. Sie aber verneinte,
es sei doch alles ganz normal. Schon wollte ich sie auf meine Verfolger hinweisen,
da durchfuhr es mich plötzlich: Was war, wenn sie auch zum KGB gehörte? Möglicherweise
waren alle meine Kollegen in Wirklichkeit Geheimdienstleute. Hatten sie nicht schon
öfters miteinander getuschelt, und plötzlich aufgehört, wenn ich das Zimmer betrat?
Ich mußte vorsichtig sein, durfte niemandem vertrauen. Zu Mittag wollte ich zuerst
nicht mit den Anderen Essen gehen, die Gefahr war zu groß, daß ich mich verraten
könnte. Dann aber entschied ich mich dagegen, damit niemand Verdacht schöpfe.
Also gingen wir gemeinsam in die Kantine. Alle versuchten so zu tun, als ob nichts
sei, redeten belangloses Zeug, aber ich durchschaute sie. Nein, es gab keinen
Zweifel mehr, es war eine Verschwörung im Gange. Eine ganz große Sache war am
Laufen und ich war der Einzige, der es noch verhindern konnte. Sicher war schon
der Rundfunk und alle Zeitungen von Geheimdienstleuten besetzt. Wahrscheinlich
sendeten sie geheime Botschaften, um mich zu beeinflussen. Aber bei mir würden
sie das nicht schaffen, bei mir nicht! Als ich zu Hause war, verschloß ich die
Türe dreimal und hängte die Sicherheitskette ein. Wahrscheinlich hatten sie schon
einen Nachschlüssel und durchsuchten meine Wohnung, wenn ich nicht da war. Ich
ging wieder zum Küchenfenster, um mehr über meine Verfolger zu erfahren. Ein
rotes Auto hielt gegenüber und ein Zeitungskolporteur in einer roten Jacke
steckte dem Fahrer ein Tagesblatt durchs Fenster zu. Natürlich, sie hatten wohl
schon gemerkt, daß ich von ihren Verfolgerautos wußte. Jetzt hatten sie diesen,
als Zeitungsverkäufer getarnten, Agenten gleich neben der Straßenbahnhaltestelle
gegenüber von meiner Wohnung postiert, um mich zu beobachten. Und er übergab den
Anderen mit den Zeitungen seine Berichte. Meine Gegner waren raffiniert, ich
mußte auf alles vorbereitet sein. Ich schob einen Kasten vor die Türe, damit
ich auch in der Nacht, während ich schlief, vor ihnen sicher war. Drei Tage lang
hielt ich mich in der Wohnung versteckt. Ein paar Mal läutete das Telefon, aber
ich nahm nicht ab. Sicherlich sandten sie Signale über die Leitung, um mich einer
Gehirnwäsche zu unterziehen. Ich war der letzte, den sie noch nicht bezwungen hatten.
Doch jetzt bin ich bereit. Ich habe mir eine Pistole besorgt. 150 Schuß Munition.
Der als Kolporteur verkleidete Agent steht noch immer bei der Haltestelle.
Wahrscheinlich ist das ihr Chef. Aber ihr habt einen Fehler gemacht. Ihr
hättet mich nicht unterschätzen sollen! Jetzt zeig ich’s euch.
S.P.E.
© Auer Alexander
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