Weihnachtsgeschichte
srrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
Der Antrieb des Aufzugs surrt leise und der Mann neben mir
riecht penetrant nach Schweiß und billigem After Shave. Möglicherweise ist es
sogar das After Shave, das den Schweißgeruch verbreitet. Ich würde gerne ein
wenig auf Distanz gehen, aber der Aufzug ist so voll, daß kein Zentimeter Platz
zuviel vorhanden ist.
24. Dezember, 10.45h. Weihnachten im Kaufhaus.
Der absolute Shopping-Overkill.
In Gedanken gehe ich meine Geschenkliste durch. Meine
potentielle Geschenkliste.
Eltern: Fragezeichen.
Schwester: Fragezeichen.
Oma: Fragezeichen.
Freundin: 3 Rufzeichen. Dahinter 5 Fragezeichen.
Noch 75 Minuten bis die Geschäfte schließen, der Countdown
läuft.
srrrrrrr - klapp - srrrrrrrr -klapp
Das Surren des Aufzugs wird von einem rhythmischen Klappern
begleitet.
Oma könnte ich eine Vase schenken. So eine richtig kitschige
mit rosa Blümchen und so. Aus dem 10-Schilling Shop. Oder hab ich ihr so eine
vielleicht schon letztes Jahr ...?
srrrrrr - klapp - quietsch - srrrrrrr - klapp - quietsch
Und meiner lieben Freundin könnte ich doch ... könnte ich
doch ...
srrrrrr - klapp - quietsch - srrrrrrr - klapp - quietsch
- KLONK
Mit einem Ruck, der mich taumeln lässt, bleibt der Aufzug
stehen.
Scheiße.
Die digitale Anzeige, auf der eben noch ein kantiger Dreier
zu erkennen war, wirft mir nun ein freundliches 'ERR' entgegen.
"Was ist denn los? Warum geht es nicht weiter?".
Der Mann mit dem Schweißgeruch-After Shave versucht sich nervös umzudrehen.
Eine Dame, die verdächtig übertrieben auf Businessfrau
gestylt ist, antwortet genervt: "Das verdammte Ding ist steckengeblieben.
Wahrscheinlich überlastet. Können Sie lesen für wie viele Personen es
zugelassen ist?"
Der Mann beugt sich noch näher zu mir, um die Plakette
besser lesen zu können. Ein leichter Hauch von Übelkeit steigt in mir auf.
"Hier steht ... 8 Personen ..."
"Na bravo, und wir sind ...", sie wirft einen
Blick in die Runde, "...15. Kein Wunder. Weil ein paar besonders Eilige
sich unbedingt noch hineindrängen mussten!"
Ein vorwurfsvoller Blick trifft mich, der ich als letztes
eingestiegen bin, und ich muss verlegen zu Boden blicken.
"Sollten wir nicht den Alarmknopf drücken, damit uns
hier jemand befreit?", versuche ich einen konstruktiven Beitrag zur
Situation zu leisten, und vom 'Wer ist als letztes eingestiegen' -Thema
abzulenken.
"Sollten wir wohl", seufzt die Businessfrau und
kämpft sich mit einer freien Hand zum Panel durch, um den Alarmknopf zu
betätigen.
"Mehr können wir momentan wohl nicht tun."
Stille macht sich in betretenen Gesichtern breit.
Nur das regelmäßige Flackern des Alarmknopfes verbreitet
unsichtbaren Lärm. Stiller Alarm, um eine Panik zu vermeiden. Willkommen in der
digitalen Welt.
blink - blink - blink
Durch das gedämpfte Licht dringt blechern die Fahrstuhlmusik.
Jingle Beeeeeeells, Jingle Beeeeeeeells, jingle
aaaaaallll the waaaayyyyy
Hmpf.
Weihnachtslieder gehören an sich schon zu den schlimmeren
Sachen, die einem im Leben passieren können. Die geballte Ladung, die man im
Dezember in den Einkaufsstraßen um die Ohren geschmettert bekommt, lassen sie
allerdings zu einem nervlichen Spießrutenlauf wachsen.
oh, what
fun, it is to riiiiiiide, in a one horse open slaaaaayyyyyy
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, daß es nur noch 67 Minuten
bis Geschäftsschluss sind.
Miss Business versucht extrem gelangweilt zu wirken, und
klopft dabei nervös auf ihre Aktentasche. Ich stelle mir vor, daß sie am linken
Schulterblatt eine 'Time is Money'-Tätowierung hat.
blink - blink - blink
Das Blinken des Alarms hat etwas hypnotisierendes an sich.
Die letzten Töne von Jingle Bells verklingen, erfrischende
Ruhe tritt kurzzeitig ein.
dam dada dam dada dam dadadadadada dam
Oh Gott, 'Little Drummer boy'. Eine kleine Schweißperle
bildet sich auf meiner Stirn.
Come
they told me blink - blink - blink pa rum pum pum pum
Meine Oberlippe beginnt leicht zu zucken.
A new
born blink - blink
- blink King to see pa rum blink - blink - blink pum pum pum
Meine Fingernägel graben sich tiefer in meine schweißnassen
Handflächen.
Our
finest gifts we
blink - blink - blink bring pa rum pum pum blink - blink - blink pum
Nun beginnt auch mein linkes Augenlid wild zu flattern.
To lay before blink - blink - blink the King pa
blink - blink - blink rum pum blink - blink - blink pum pum rum pum
pum blink - blink - blink pum
rum pum blink - blink - blink pum pum
Der Mann mit dem Schweißgeruch After Shave lächelt mir zu.
Ich versuche zurückzulächeln, doch plötzlich wächst sein Lächeln zu einem
Grinsen das immer breiter wird. Es dehnt sich immer weiter, bis es schließlich sein
ganzes Gesicht einnimmt und verschlingt. Kurze, abgehackte Lachsalven tropfen
von meinen Lippen.
So honor blink - blink - blink him pa rUm
blink - blink - blink PUm pUM pum, when wE cOME blink - blink - blink
krrrtsch- krck -srrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
Ein überwältigendes Gefühl von Bewegung trifft alle meine
Sinne wie ein Blitzschlag. Die Businessfrau dreht sich zu mir um und bewegt die
Lippen. Sie scheint etwas zu sagen, aber ich kann ihre Worte nicht hören. Ein
Schweißtropfen fällt von meiner Braue ins Auge. Es brennt höllisch.
LITtLe BABY paRUmPUMpuMpuMIAMAPOO rboyTOOPARUMPumPUMPUmI
HAVENOGIFTTOBRI NGPARUMPUMPUMP
Die Musik scheint eine unglaubliche Lautstärke erreicht zu
haben. Ich versuche mir die Ohren zuzuhalten, doch die Töne fangen vor meinen
Augen an zu tanzen. Kleine, schwarze Sterne, die wild durch die Gegend fliegen.
Plötzlich spüre ich einen Druck von hinten. Ich werde nach
vorne geschoben, machtlos, dagegen ankämpfend. Aus dem Augenwinkel sehe ich
gerade noch die Fahrstuhltüren an mir vorbeigleiten, bevor ich zu Boden
geworfen werde. Jemand tritt mir auf den Arm, doch ich registriere es nur, ohne
Schmerzen dabei zu verspüren. Komplette Finsternis breitet sich vor meinen
Augen aus.
PARUMPUMpUmP pa RuM pUm Pum pa rum pum pum
Ich liege mit geschlossenen Augen am Rücken und versuche
tief durchzuatmen. Langsam kommt das Gefühl in meine Glieder zurück und ein
stechender Schmerz kriecht meinen Oberarm entlang.
Vorsichtig öffne ich die Augen. Etwa 30cm entfernt sehe ich
ein Gesicht. Rote Backen, ein wallender weißer Bart, buschige, weiße
Augenbrauen und eine tiefrote Mütze.
Das Gesicht grinst.
"Na, Kleiner? Willst du vielleicht ein Zuckerl? Ho Ho Ho Ho."
Das Gesicht kommt näher und auch eine Hand, die ein Zuckerl
hält, schiebt sich in mein Blickfeld.
Die Farben verändern sich, das Rot dominiert plötzlich
alles. Die Nase wird immer größer, das hohoho Zuckerl hat auf einmal Beine. Der
Mund wird hoho kreisrund. Die Hand hOhoHo mutiert zu einer Klaue, umHoHOHofasst
das Zuckerl und beHOHOhOginnt zu quetschen. RoHOhOtes Blut quillt aus der
Verpackung HOHOHOHHO und tropft hOOHo auf mich herab. Ich höre meinen
HOOOHOschreiHOHO nicht spüre nicht HohO wie meine Fäuste unHOHOkontrolliert
schlagen.
PARUMPHOHOHOUMPblinkHOblinkblinkPAhohoHORUMPUMpblinkbliHOHOnkblink
Schwärze.
Grelles Licht sticht in meine Augen. Ich blinzle irritiert
und brauche einige Sekunden um meine Augen an die Helligkeit zu gewöhnen.
Ein weißes Zimmer, ich liege in einem Bett. An der Wand
hängt ein Kreuz und ein Bild unseres Bundespräsidenten. Am Bettende steht eine
Krankenschwester und lächelt mich freundlich an.
"Guten Morgen! Wie fühlen Sie sich denn?"
Ich versuche mich aufzurichten, doch ich kann mich nicht
bewegen. Beide Arme und Beine sind eingegipst, zusätzlich trage ich noch einen
Verband um den Brustkorb.
"Wo bin ich?", frage ich die Krankenschwester.
"Im Spital. Aber keine Angst. Ihre Verletzungen sind
nicht so schwer, wie sie im ersten Moment gewirkt haben. In spätestens 6
Monaten sind sie wieder halbwegs hergestellt."
"Und wie lange bin ich schon hier?"
"Seit drei Tagen", lächelt sie mich an. "War
ja eine tolle Aktion, die Sie da gebracht haben! Sie haben es damit sogar
geschafft, den Nahost-Konflikt als Spitzenmeldung in den Abendnachrichten zu
verdrängen."
Ich versuche etwas gequält zu lächeln. Es gelingt mir nicht
sehr gut.
"Als ich die Bilder von der Überwachungskamera des
Kaufhauses im Fernsehen gesehen habe", fährt sie fort, "Also direkt
unglaublich! Wie Sie den drei Meter hohen Tannenbaum in die Porzellanabteilung
geworfen haben, sagenhaft. Oder wie Sie die Wachmannschaft mit Christbaumkugeln
K.o. geschossen haben. Und erst das Finale, als Sie sich an diesem dünnen Seil
aus dem dritten Stock geschwungen haben! Haben Sie denn die Glastüre nicht
gesehen? Na ja."
Ein flaues Gefühl steigt in meinem Magen auf.
"Ach übrigens, einige Leute haben gesagt, daß sie Sie
gerne besuchen würden. Da wäre der Mann von der Versicherung des Kaufhauses. Er
hat irgendwas wegen finanziellen Forderungen oder so gemurmelt. Dann der Primar
von der psychiatrischen Abteilung. Er war ganz aus dem Häuschen! Hat gesagt,
mit Ihnen könnte er berühmt werden. Sie wissen ja, wie diese Ärzte sind. Ach ja
und der Bodybuilder, der den Weihnachtsmann gespielt hat. Also, dem haben Sie
es ja ordentlich gegeben." Sie zwinkert mir zu. "Er liegt gerade im
Nebenzimmer, aber er hat gesagt, sobald er aufstehen kann, kommt er Sie
besuchen."
Das flaue Gefühl wird zu einer ausgewachsenen Übelkeit.
Testhalber versuche ich mich zu bewegen. Keine Chance. Als
wäre ich einbetoniert worden.
"Aber jetzt gönnen Sie sich mal ein bisschen Ruhe. Ich
habe übrigens eine kleine Überraschung für Sie." Sie hantiert mit einem
Gerät herum, steckt es an die Steckdose an.
"Nachdem Sie über Weihnachten ja im Koma gelegen sind,
habe ich mir gedacht, Sie würden nachträglich ein wenig feiern wollen."
Jetzt erkenne ich, daß es sich um einen Kassettenrekorder
handelt. Sie legt eine Kassette ein und drückt die Play-Taste. Noch einmal
lächelt sie mich an, dann geht sie aus dem Zimmer und macht leise die schwere
Tür hinter sich zu.
Viel zu lautes Rauschen beginnt den Raum zu erfüllen.
Anscheinend hat sie den Rekorder unabsichtlich auf volle Lautstärke
eingestellt.
gschhhhhhhhhhhhh dam dada dam dada dam dadadadadada dam
Come they told me pa rum pum pum pum ....
S.P.E.
© Auer Alexander
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